Der glücklichste Tag

Es war ein Tag im März 1994, kein Tag wie jeder andere.

Mit einem Lachen im Gesicht schwinge ich meine noch schläfrigen Glieder über die Bettkante. Heute ist es soweit. Rasch hüpfe ich unter die Dusche, maniküre meine Nägel, lasse mir gedankenverloren den Kamm durch die Haare gleiten. Schliesslich möchte ich einen gepflegten Eindruck hinterlassen. Noch schwitzend von der knallheissen Dusche, ich liebe es das heisse Wasser auf dem Rücken zu spüren, ziehe ich mir ein T-Shirt und eine Levis an.

Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.

Das Auto steht schon bereit, Mercedes 190E, ich bin gerade mal 20... ein wenig Stolz schwingt in meinem Schritt, ich habe dafür hart gearbeitet. Der Motor schnurrt, ich lege den Gang ein und mache mich auf den Weg. Der Heidelberger Verkehr ist angenehm um diese Zeit... gelassen lasse ich mich von der Autolawine in Richtung A5-Einfahrt schwemmen.

Nachdem ich mich auf die A5 Richtung Frankfurt eingefädelt habe, lasse ich den Motor aufheulen. Die Nadel zeigt auf 190. Langsam steigt meine Nervösität. Ich brause mit einer grossen innerlichen Anspannung auf der linken Spur in Richtung Flughafen Frankfurt. Urplötzlich gurgelt der Motor metallisch und verliert drastisch an Leistung. Verdammt, denke ich, es konnte an keinem anderen Tag passieren als heute! Verärgert und gereizt kreuze ich die rechts von mir liegenden Fahrstreifen und komme auf dem Nothaltestreifen zum stehen. Motorhaube auf, Au Backe, der Auslasskrümer am Motor glüht orange-rot. Scheisse, der Motor ist am Arsch. Zitternd schaue ich auf die Uhr, verdammt.. nur noch 40 Minuten. Fluchend stürze ich zur Notrufsäule und rufe den ADAC. Nach zerknirschenden 25 Minuten kommt auch schon das gelbgefärbte Einsatzauto des ADAC und attestiert mir was ich schon lange wusste. Der freundliche ADAC Helfer schleppt das Auto weg von der Autobahn zur nächstgelegenen Tankstelle, während ich immer wieder auf die Uhr schaue. Da ist doch echt zum Mäuse melken... scheiss Karre... wiiiiiesoooo heeeeute.
Ich schlucke den restlichen Ärger mit grosser Anstrengung runter und laufe schnellen Schrittes zur Tanke. Da steht jemand mit einem Frankfurter Kennzeichen an der Zapfsäule. Hoffnung blüht auf. Freundlich und beherrscht frage ich den Fahrer, ob er mich doch nach Frankfurt mitnehmen könnte, mein Auto sei kaputt. Er meint, das das ein Geschäftsauto sei und er mich deswegen nicht mitnehmen kann. Mir sinkt das Herz in die Hose. Doch auf einmal meint er, er mache mal eine Ausnahme und ich solle einsteigen. Mein Herz setzt fuer einen kurzen Moment aus vor Freude und ich steige ein. Ich erzähle ihm, das ich unbedingt zum Frankfurter Flughafen muss und er mich irgendwo in Frankfurt absetzen kann, ich werde mir dann ein Taxi für die Weiterfahrt nehmen.

Überraschenderweise fährt mich der überaus hilfsbereite Mann direkt an den Frankfurter Flughafen. Ich kann es nicht fassen. Ich bin überwältigt vor Freude. Es gibt noch Menschen mit grossen Herzen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei ihm und hüpfe nach der Ankunft am Flughafen aus dem Auto. Vor grösster Aufregung habe ich es total verpasst dem Mann ein wenig Geld für die Mühe zuzustecken.. zu spät.
Ich stürme an die Ankunfts-Info-Tafel und suche nach einem gewissen Lufthansa Flug. Aha... Terminal B. Mit schnell schlagendem Puls rase ich zum Terminal B.... aber ich finde sie nicht. Mein Hoffnung ist schon wieder am sinken. Ich bin verzweifelt. Ich bin zu spät. VERDAMMT!! Ich fange wieder an zu fluchen. Eine halbe Stunde warte ich und suche das Terminal B ab. Doch auf einmal erspähe ich sie, zum ersten Mal in Fleisch und Blut, nicht nur auf gescannten Bildern. Sie steht etwas entfernt vom Exit des Terminal B und ich muss sie die ganze halbe Stunde übersehen haben. Ich schreie innerlich vor Freude. Langsam nähere ich mich dem Geschöpf meiner Träume und als wir nach der Begrüssung eng beieinander stehen, senke ich meinen Kopf und flüstere : "Kiss me" Nach einem innigen Kuss entschuldige ich mich für's zu spät kommen und erkläre ihr, mein Auto war mir auf der Herfahrt auf der Autobahn abgeschmiert. Aber das ist jetzt alles egal, es ist der glücklichste Tag meines Lebens!

Thomas Reich 2001